aus HAUS+HÄNDE

HAUS + HÄNDE

 

100 Jahre Familienleben spielen sich in einem Haus ab.

1890 kauft mein Urururgroßvater der Fotograf Theodor Spiess das Grundstück in Gerstungen. Im Garten neben dem Haus errichtet er sein Fotoatelier. Seitdem wird das Haus stets an eine Tochter der Familie

weiter vererbt. Die Hände meiner Ahnen auf den Bildern aus über 100 Jahren Familiengeschichte sind exemplarische Ausschnitte der Ver-

gangenheit. Durch die Betonung ihrer Fragmenthaftigkeit verweise

ich auf die Unmöglichkeit der vollständigen Retrospektive auf das Leben 

einer einzelnen Person. Erinnerungen und Fotografien sind nur Verkürz-

ungen von Geschichte, die sich an einzelnen Punkten, ob alltäglich oder historisch relevant, entlang hangeln.

 

Im Prolog des Buches leite ich mit einer Reihe von Selbstporträts ein. Im Epilog nehme ich Bezug auf diese Selbstporträts anhand von vergleichbar inszenierten Porträts meiner Mutter und Großmutter, Claudia und Ingrid Hauptmann, in den Räumen des Hauses. Dabei halte ich die Stimmung der einzelnen Räume fest, die großen Einfluss auf das Familienleben innerhalb 

des Hauses hat. 

 

 

Das Haus ist Schutzraum der Familie über verschiedene Staatsformen und Kriege hinweg. Es ist Teil eines Ortes, der weder Dorf noch Stadt genannt werden kann. Es ist Teil einer Landschaft, welche mal mitten in Deutsch-

land, mal an dessen Außengrenze liegt. Die Bewohner des Hauses wechseln. Die Grenzen des Landes verschieben sich. Das Haus, der Garten, der Fluss und der Ort bleiben bestehen. 

 

Meine Bilder führen vorbei an den sauberen Fassaden und hindurch durch die Enge der Gassen des Ortes bis hinein in das Haus. Ich zeige Ober-flächen, die verstecken, Fenster, die den Blick nach Außen öffnen, Stim-mungen in Räumen und führe den Betrachter schließlich wieder hinaus 

in den Ort, in die Landschaft und zurück in den Wald. Diese Reihe kombiniere ich mit Familienfotoausschnitten von Händen, die andeuten 

wie die Menschen im Haus aufwuchsen und wie Erster und Zweiter Welt-krieg, wie die DDR und schließlich auch die Wiedervereinigung den Ort und das Leben der Menschen im Haus beeinflussten. In dieser Arbeit spiele ich mit der Absurdität des stetigen Versuchs die Zeit fotografi sch festzuhalten, denn egal wie sehr wir auch versuchen den Moment zu konservieren, indem wir zum Beispiel Famlienrituale fotografieren, ist doch bereits im Augenblick des Auslösens,das Abgebildete Vergangenheit geworden.